Neue Mitte
Goldener Löwe, Kirchenlamitz
„Gasthof, zweigeschossiger Walmdachbau, massiv und verputzt, korbbogige Toreinfahrt, durch Wirtshausschild von Ernst Reithel bez. 1833, Erdgeschoss verändert.“ Mit diesen, angesichts seiner Geschichte doch etwas dürren Worten ist der Goldene Löwe in Kirchenlamitz in die Denkmalliste des Landkreises Wunsiedel im Fichtelgebirge eingetragen. Nun sind solcherart Verzeichnisse letztlich Verwaltungsakte und entsprechend kann man keine beeindruckenden Schilderungen erwarten. Aber der Goldene Löwe in Kirchenlamitz war wie viele andere Wirtshäuser gleichen Namens das Zentrum des Ortes. Am Marktplatz, wo die Straßen nach Wunsiedel, Hof und Weißenstadt einmünden, in unmittelbarer Nachbarschaft des Rathauses in der Ortsmitte gelegen, war der Löwe ein gesellschaftliches Zentrum. War Kontaktbörse, Stätte des Frühschoppens und des Sonntagsschmauses, und man kann sich sehr gut vorstellen, wie viele Rathaus-Sitzungen in diesem Gasthof mit unzähligen Gläsern gerstenhaltigen Getränks vor- und nachbereitet wurden. Dies alles ist allerdings lange her. Jahrzehntelang stand das Gebäude oder besser: dieser aus mehreren Baukörpern bestehende Gebäudekomplex in der denkmalgeschützten Innenstadt von Kirchenlamitz leer. Man hat rumgebastelt an ihm, hat ihn an-, um- und ausgebaut, ihn mit wenig sensibel gefügten Nebengebäuden ergänzt. In den 1980er Jahren diente der Gasthof als Flüchtlingsheim für deutschstämmige Spätaussiedler aus Russland. Dann stand er wieder leer, verfiel, war Schandfleck mitten in der vom Strukturwandel und dem Verfall der Porzellanindustrie gezeichneten Stadt.
Bereits in dem mit den Bürgern erarbeiteten „Interkommunalen Entwicklungskonzeptes - Zukunft Nördliches Fichtelgebirge“ von 2006 wurde die Revitalisierung des Goldenen Löwen diskutiert. Die Stadt Kirchenlamitz erwartete sich dadurch eine wirtschaftliche Belebung und Aktivierung des gesamten Marktplatzbereiches. Doch es fehlte das Geld. Erst mit dem Beschluss der bayerischen Staatsregierung Ende 2016 die „Förderoffensive Nordostbayern“ aufzulegen, waren auch in Kirchenlamitz die Voraussetzungen geschaffen, das Projekt Wiederbelebung des Goldenen Löwen in Angriff zu nehmen. Dieses Förderprogramm hatte zum Ziel, innerörtliche Leerstände zu beseitigen und die Attraktivität gerade der Ortsmitten zu stärken. Im Sommer 2018 lobte die Stadt Kirchenlamitz, das zuvor angekaufte, völlig vernachlässigte Haus, zur „Sanierung und Revitalisierung eines historischen, denkmalgeschützten Gebäudes ‚Goldener Löwe‘“ ein Verhandlungsverfahren aus. Ziel dieses Verfahrens sei „das Quartier im zentralen Stadtkernbereich funktional zu stärken und durch neue Nutzungen sowie durch Aufenthaltsbereiche deutlich aufzuwerten“. Der Gewinner des Verfahrens, Peter Kuchenreuther, stellte verschiedene Nutzungskonzepte vor, die dann im Stadtrat, aber auch mit der Regierung von Oberfranken in Bayreuth diskutiert wurden. Ein Seniorenzentrum mit Tagespflege kam in Betracht, Gastronomie mit Gästezimmern, Wochenmarkt mit Seniorenwohnen oder der Einzug der Stadtbibliothek mit Vortrags- und Ausstellungsräumen, mit Vereinsräumen und im Obergeschoss mit barrierefreiem Wohnen.
Der Stadtrat entschied sich für Letzteres. Dass die Kirchenlamitzer an ihrem Goldenen Löwen hängen, merkten die Verantwortlichen spätestens bei einem Ortstermin im Sommer 2019, als sie das beschlossene Konzept der Öffentlichkeit vorstellten. Eine große Zahl an Bürgern fand sich ein, die jeden zugänglichen Winkel des Gebäudes begutachteten, die Anregungen und weitere Vorschläge vorbrachten und diese mit ergiebigen Erinnerungen an den Goldenen Löwen von einst begleiteten. Im ersten Bauabschnitt freilich mussten einige Ergänzungsbauten abgerissen werden. Der Drogerie-Markt wurde zurückgebaut, der Anbau des Friseursalons als Pavillon freigestellt. Im Hof, aber vor allem im Inneren des Gebäudekomplexes wurde aufgeräumt -- um die ursprüngliche Struktur, die beeindruckenden Gewölbe, die historischen Vertäfelungen wieder herauszuarbeiten.
Das Dach wurde neu eingedeckt, der Dachstuhl saniert und, da das Gebäude nicht unterkellert ist, im Dachgeschoss Ersatz-Stauräume untergebracht. Das Obergeschoß hat man auf den Rohbau zurück- und dann wieder neu aufgebaut und mit neuer Heizung ausgestattet. Es beherbergt insgesamt fünf, zwischen 60 und 100 Quadratmeter große, helle und angenehm hohe Wohnungen. Jede Wohneinheit erhielt einen Balkon, der aber nicht wie vielfach üblich von einem Gerüst gehalten, sondern mit Stahlrohren abgehängt wird. Für die Bücherei hat das Büro Kuchenreuther, nach dem der Stadtrat Kirchlamitz‘ sich mit Bibliotheksexperten beraten hatte, ein zurückhaltendes Mobiliar entworfen, das eine lichte Raumgestaltung mit großer Aufenthaltsqualität bietet. Der Stadtbibliothek schließen sich ein Multifunktionsraum und ein schöner Gewölbesaal an. Beide Räume kann man für Vorträge, Ausstellungen oder Lesungen der Bücherei, aber auch für andere Veranstaltungen nutzen. Beispielsweise von der Initiative „Zukunft Kirchenlamitz“ und anderen Vereinen. Vom Haupteingang des Gebäudekomplexes führt – flankiert vom Eingang zur Bibliothek auf der einen und öffentlichen Toiletten auf der anderen Seite eine Passage zum Innenhof. Ausgestattet mit Bühne, Baum und Sitzbänken ist er multifunktional bespielbar. Als Bodenbelag im Erdgeschoß hat man übrigens Epprechtsteiner Granit verwendet. Die Mitglieder des Stadtrats waren vom preisgekrönten Infozentrum am Epprechtstein so begeistert, dass sie sich für den zwar etwas teureren, aber heimischen Bodenbelag entschieden. Als Bodenbelag für die Freianlagen kommt hingegen Flossenbürger Granit zur Verwendung.
Im Herbst/Winter 2022 soll die neue Mitte in Kirchenlamitz mit einem Fest eröffnet werden. Im Winter sollen auch die ersten Mieter einziehen. Das Interesse ist groß. So konnte die Stadt Kirchenlamitz bei einem Tag der offenen Tür in der Baustelle des Goldenen Löwen rund 150 Bürger begrüßen. Die meisten Fragen der Gäste betrafen die Wohnungen. Und wenn dann alles fertig ist, das wird auch das denkmalgeschützte Wirtshausschild – restauriert und filigran wie immer schon – wieder auf den wiedererweckten Goldenen Löwen aufmerksam machen.
„Eine Besonderheit bei der Aufnahme vom Bestand des historischen Dachstuhls im ehemaligen Gasthaus Goldner Löwe in Kirchenlamitz war die Umsetzung einer der neuesten Technologien. Mittels eines 3D Scanners wurde der Dachstuhl von dem Computerspezialisten Stefan Rettinger aufgenommen, und anschließend von uns in die CAD übertragen. Diese unglaubliche Entwicklung der Technik ermöglicht uns die alten Gebäude bis ins Detail zu erforschen und der Handwerkskunst unserer Vorfahren nachzuspüren.“
– Hana Chaloupkova, Kuchenreuther Architekten Stadtplaner
STANDORT:
Marktplatz 10
95158 Kirchenlamitz
BAUHERR:
Stadt Kirchenlamitz
Marktplatz 3
95158 Kirchenlamitz
PROJEKTLEITER:
Kuchenreuther Architekten Stadtplaner:
Uwe Gebhard